Sicherheit
30.06.2022

“Ein Fluchtkoffer”: Auch Ukrainer glaubten nicht an den Beginn des Krieges

In den letzten Monaten war der Krieg in der Ukraine auf den Titelseiten der ganzen Welt zu lesen. Am 24. Februar 2022 begann Russland mit einer groß angelegten Invasion in einen unabhängigen Nachbarstaat. Die heftigen Kämpfe der ukrainischen Streitkräfte mit der russischen Armee dauern noch immer an. Das ukrainische Militär, das die ganze Welt mit seiner Mutigkeit überrascht, hält die russische Aggression im Osten und Süden des Landes mit beispielloser Unterstützung der Zivilbevölkerung zurück.

Auch die russische Armee hat der Welt ihr wahres Gesicht gezeigt. Mit besonderer Grausamkeit zerstören russische Truppen die ganze Siedlungen, vergewaltigen Frauen und Kinder, schießen Zivilisten in den Hinterkopf und belagern seit Monaten ukrainische Städte.

Derzeit schirmt die Ukraine die “Tür” nach Europa ab und nimmt die ganze Macht und Gerissenheit der “zweitgrößten Armee der Welt” und des faschistischen Putin-Regimes auf sich. Die Ukrainer haben bis zum letzten Moment nicht an die Möglichkeit einer groß angelegten Invasion geglaubt, wie ihr ruhiges, normales Leben Ende 2021 beweist, obwohl sie vor einer solchen Entwicklung gewarnt wurden …

“Ein Fluchtkoffer”: Auch Ukrainer glaubten nicht an den Beginn des Krieges

Es ist wichtig zu wissen, dass die Militäroperationen auf dem Gebiet der Ukraine seit April 2014 andauern. Damals übernahmen von Russland unterstützte Sabotagegruppen gewaltsam die Macht in den Städten der Regionen Donezk und Luhansk. Mit der “Unterstützung” des russischen Militärs wurden dort folgende terroristische quasi-staatliche Formationen geschaffen: die Volksrepubliken Donezk und Luhansk. An der Grenze dieser besetzten Gebiete wurde in allen diesen Jahren eine Anti-Terror-Operation durchgeführt, und seit 2018 wird die “Operation der gemeinsamen Streitkräfte” durchgeführt.

Die ukrainische Regierung versuchte, die territoriale Integrität ihres Landes diplomatisch wiederherzustellen, und appellierte ständig an die Weltgemeinschaft, um sie auf Russlands Übergriffen auf dem Gebiet eines souveränen Staates aufmerksam zu machen. Leider reagierte die Welt nicht, was es Wladimir Putin ermöglichte, an seine Straflosigkeit zu glauben und seine geopolitischen Gelüste zu steigern. Es ist erwähnenswert, dass sich die Ukrainer im Laufe der Jahre an die ständige Kriegsgefahr gewöhnt haben, indem sie trotz der Feindseligkeiten, die jeden Moment eskalieren können, ein friedliches und normales Leben führten. Europa sollte sich also nicht an die Vorstellung gewöhnen, dass militärische Operationen nur auf dem Gebiet eines anderen Staates durchgeführt werden. Jeden Moment kann Russland seine Raketen in ein anderes europäisches Land schicken.

Im Spätherbst 2021 begann das aktive Gerede über eine mögliche russische Invasion in der Ukraine, und im Dezember wurde praktisch jede/r UkrainerIn darüber informiert, wie sie sich einen Fluchtkoffer zulegen können. Die Freude der Ukrainer über das neue Jahr 2022 wurde von der Vorahnung eines drohenden Krieges überschattet. Die Behörden begannen, Karten von Luftschutzkellern zu veröffentlichen, Zivilschutzunterkünfte zu räumen und die Bürger täglich zu bitten, alles Nötige für den Fall einer Evakuierung bereitzuhalten.

Im Februar wurden die Schulkinder ausführlich über die Verhaltensregeln bei Luftalarm informiert, und ihre Eltern gebeten, ihnen Wasser, Tücher, Erste-Hilfe-Sets und Kekse für die Schule einzupacken. Auf den Straßen und U-Bahnhöfe wurden Flugblätter mit Verhaltensregeln während des Krieges verteilt. Auch die Schilder mit den Hinweisen auf Luftschutzkeller tauchten auf. Trotzdem glaubte die Mehrheit der Ukrainer nicht an die Möglichkeit eines groß angelegten Krieges, denn die Ukraine ist ein friedliches Land, das noch nie an bewaffneten Konflikten beteiligt war, bis sie am 24. Februar von schweren Explosionen im ganzen Land geweckt wurde. In den ersten Stunden des Krieges saßen Hunderttausende von Ukrainern bereits in ihren Autos und fuhren entweder in sicherere westliche Regionen oder ins Ausland. Zuvor gepackte Notfalltaschen verschafften wertvolle Evakuierungszeit.

Die Ukraine wehrt sich mutig gegen die Angriffe Russlands und bittet die Welt unaufhörlich, ihr beim Überleben und bei der Verteidigung ihrer Unabhängigkeit zu helfen. Denn wenn das strafende Schwungrad der russischen Regierung sie kaputt macht, klopft der Krieg an Europas Tür. Die Feindseligkeit der russischen Bevölkerung wird durch soziologische Untersuchungen bestätigt: 86,6% der russischen Bürger unterstützen den Einmarsch ihrer Armee in das Gebiet der EU-Länder. Der Active Group zufolge könnten Polen, Estland, Litauen und Lettland in den Augen der Russen die nächsten potenziellen Opfer sein.

75,5% der Russen unterstützen die Idee einer bewaffneten Invasion eines anderen Landes und glauben, dass Polen ein Ziel werden sollte. 41% der Befragten wählten die baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) als nächste Opfer; weitere 39,9% wählten Bulgarien, die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn. Aufrufe, sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten, gab es in der Ukraine schon lange vor der Invasion. Vor diesem Hintergrund ist es für jeden Europäer an der Zeit, sich um seinen eigenen Fluchtkoffer zu kümmern.

Es gibt einige einfache, aber wichtige Regeln für das richtige Packen eines Fluchtkoffers, die das Überleben unter extremen Bedingungen erleichtern und sogar Leben retten können. Solcher Koffer kann nicht nur im Krieg nützlich sein, sondern auch im Falle von Naturkatastrophen, Bränden oder Terroranschlägen.

1. Ausweispapiere

Bereiten Sie Kopien aller wichtigen Dokumente vor: Reisepässe, Personalausweise, Geburtsurkunden der Kinder, Krankenversicherungen, Eigentumsurkunden, Fahrzeugpapiere usw. Am besten machen Sie mehrere Kopien, falten jeden Satz separat und verpacken sie in wasserdichten Beuteln. Die Originaldokumente sollten Sie in einem separaten, vor Feuchtigkeit geschützten Ordner aufbewahren, damit Sie bei Bedarf leicht und schnell darauf zugreifen und sie mitnehmen könnten. Es lohnt sich auch, elektronische Kopien der Dokumente auf einem USB-Stick zu speichern und sie in einen Cloud-Speicher hochzuladen.

Wichtig! Die Originale Ausweisdokumente müssen dabei sein! Sie sollen nicht in den Fluchtkoffer sondern in eine Kleidungstasche mit einem Reißverschluss gesteckt werden.

2. Medikamente

Alles, was Sie in Ihren Erste-Hilfe-Koffer packen, kann in zwei Kategorien unterteilt werden:

  • Medikamente, die Sie regelmäßig einnehmen, sowie solche, die Sie im Krankheitsfall benötigen;
  • Rettungsset bei Verletzungen.

In einem Rettungsset haben blutstillende Mittel immer Vorrang. Um es zu vereinfachen, können Sie ein fertiges militärisches Erste-Hilfe-Set IFAK nach NATO-Standards kaufen. Es ist viel praktischer, weil es sehr dicht gepackt ist und etwa so viel Platz einnimmt wie ein mittelgroßes Buch. Dieses Set kann auch eine kompakte Wärmedecke enthalten, die Platz im Rucksack spart. Die Decke kann auch separat erworben werden. Sie werden es brauchen, wenn Sie die Nacht im Freien oder in einem kalten Luftschutzkeller verbringen müssen.

Wenn Sie das Rettungsset selbst zusammenstellen, sollten Sie unbedingt eine Aderpresse mitnehmen. Das ist ein dringendes Hilfsmittel zum Stillen von Blutungen. Auch folgende Soforthilfe helfen Leben zu retten:

  • nasopharyngealer Atemweg (NPA);
  • Okklusionsverband (Halo Chest Seal) bei penetrierenden Brustwunden;
  • steriler Verband;
  • Verband mit einem hämostatischen Mittel zur Wundabdeckung;
  • ein Pflaster auf der Spule, das sich leicht abreißen lässt;
  • hypoallergenes Pflaster (kann im allgemeinen Erste-Hilfe-Set enthalten sein);
  • 2-3 Paar Einweg-Gummihandschuhe;
  • Hydrogel-Verband zur Behandlung von Verbrennungen (ist normalerweise nicht im Standardset enthalten, kann aber erforderlich sein);
  • taktische Schere.

Es lohnt sich auch, einen schwarzen Marker mitzunehmen. Es wird zum Beispiel für Markierungen auf einer Aderpresse benötigt, um eine Blutgruppe zu schreiben oder wichtige Markierungen auf der Hand oder Kleidung des Verwundeten zu machen, wenn die Person bewusstlos ist.

Die Grundausstattung des Erste-Hilfe-Sets sollte enthalten: 

  • fiebersenkende Mittel;
  • Antiallergika; 
  • Blutstillende Mittel;
  • antidiarrhoische Medikamente;
  • Pflaster; 
  • sterile Tücher;
  • Antiseptika;
  • Schmerztabletten;
  • Medikamente gegen Darminfektionen;
  • Halsensprays;
  • Nasentropfen;
  • entzündungshemmende Augentropfen;
  • medizinische Masken;
  • Medikamente, die Sie regelmäßig einnehmen.

Wichtig! Wenn Sie Kinder haben, sollten Sie für sie separate Erste-Hilfe-Sets vorbereiten und dabei die Altersbeschränkungen berücksichtigen. Informieren Sie Ihre Kinder über den Inhalt ihres Erste-Hilfe-Sets. Erklären Sie den Umgang mit Medikamenten und bereiten Sie für jedes Kind eines eigenes Set vor. Wenn Sie plötzlich einander verlieren, kann man diese Sets nutzen, um ihren Kindern zu helfen.

3. Geld und Bankkarten

Achten Sie darauf, dass Sie Bargeld und Bankkarten in Ihre Tasche stecken. Sie müssen einen Bargeldvorrat haben, der in mehrere Teile aufgeteilt werden sollte. Einer kann in eine Tasche gesteckt werden, der andere beispielsweise in eine Brieftasche in den Fluchtkoffer und ein anderer Teil am Boden des Koffers. Wenn Sie von Räubern überfallen werden, können Sie ihnen eine Brieftasche mit einem Teil des Bargelds geben und den Rest des Geldes aufbewahren. Aus demselben Grund sollten die Bankkarten an einem sicheren Ort aufbewahrt werden. Denken Sie daran, dass im Falle der Verhängung des Kriegsrechts das Bankensystem zumindest für einige Tage nicht funktionieren kann.

4. Schlüsselkopien

Bereiten Sie Kopien der Schlüssel für alle Ihre Immobilien und Autos vor, damit Sie sie im Bedarfsfall in den Fluchtkoffer werfen können, ohne Zeit mit der Suche danach zu verlieren. Alle erwachsenen Familienmitglieder sollten Schlüsselkopien haben.

5. Kommunikationsmittel 

Halten Sie Ihre Handys geladen. Bereiten Sie einige leistungsstarke Powerbanks und Ladegeräte vor. Wenn möglich, packen Sie einen tragbaren Funksender und eine Batterie in die Tasche. Es lohnt sich auch, ein Radio mitzunehmen, vorzugsweise ein kleines, das mit Batterien betrieben wird. Wenn es keine Mobilfunk- und Internetverbindung gibt, können Sie sich mithilfe des Radios über die neuesten Nachrichten und die sichersten Korridore zum Verlassen des Kriegsgebiets informieren.

6. Mittel zum Warmhalten

Um unter allen Bedingungen warm zu bleiben, sollten Sie Streichhölzer (besser wasserfeste, die für die Jagd bestimmt sind), Feuerzeuge, trockener Alkohol, eine Thermodecke oder ein Plaid in Ihren Koffer stecken. Auch Touristenschlafsäcke können sich als nützlich erweisen.

7. Lebensmittel und Wasser

Bereiten Sie einen Vorrat an Lebensmitteln für mehrere Tage vor. Er sollte aus Produkten bestehen, die lange haltbar sind und einen hohen Nährwert haben. Dazu können Fleisch- und Fischkonserven, Zwieback, Trockenfleisch, Schokoriegel, dunkle Schokolade, Nüsse und Trockenfrüchte gehören. Wenn Sie ein Baby oder Kleinkinder haben, nehmen Sie Nahrung für sie mit: Dosenbrei oder Babynahrung in Pulverform. Die Wasserzufuhr sollte 1-1,5 Liter pro Tag für eine Erwachsene betragen. Versuchen Sie, solche Produkte zu sammeln, für die Sie kein Geschirr benötigen. Sie können Einwegbecher für heiße Getränke sowie mehrere Stangen Instantkaffee und Tee in Beuteln mitnehmen. Es ist auch ratsam, ein Reisemesser mitzunehmen, z.B. als Teil eines kompakten Multitools.

8. Kleidung

Packen Sie das Nötigste je nach Jahreszeit in Ihren Koffer. Achten Sie darauf, dass Sie Wechselsocken, Unterwäsche und ein T-Shirt dabei haben. Möglicherweise benötigen Sie eine warme Fleecejacke, Thermounterwäsche und einen Regenmantel. Wenn Sie noch Platz haben, nehmen Sie auch Wechselschuhe mit.

9. Hygieneartikel

Achten Sie auf die Mindesthygieneprodukte, die Sie unterwegs und außer Haus benötigen. Es ist praktisch, ein Reiseset zu haben, die man normalerweise im Flugzeug mitnimmt. Es sollte enthalten: Seife, Shampoo, Duschgel, Zahnbürste und Zahnpasta. Vergessen Sie nicht über die trockene und feuchte Tücher (vorzugsweise antiseptisch), Toilettenpapier und Binden oder Tampons für Frauen.

10. Wichtige Dinge

Legen Sie eine Taschenlampe und austauschbare Batterien in die Tasche. Nehmen Sie auch eine Pfeife oder ein anderes Signalgerät mit. Stecken Sie solche Geräte auch in die Taschen Ihrer Kinder. Wenn Sie sich verlieren oder unter den Trümmern eingeklemmt sind, können Sie damit Ihren Standort signalisieren.

Jedes Familienmitglied sollte seinen eigenen Koffer haben, der so schwer ist, dass er oder sie ihn innerhalb weniger Stunden tragen kann! Wählen Sie aus praktischen Gründen Touristenrucksäcke in neutralen Farben, auf keinen Fall getarnt. In einem Kinderkoffer sollten sich ein Vorrat an Lebensmitteln und Wasser, ein Erste-Hilfe-Set, Unterwäsche zum Wechseln, Kopien von Dokumenten und zusätzliche Informationen befinden, d.h. Telefonnummern der Eltern oder anderer Verwandter, die sich um die Kinder kümmern können. Diese Informationen sollten auf einem separaten Blatt Papier vervielfältigt und laminiert oder in einem wasserdichten Beutel aufbewahrt und in einer Kleidungstasche des Kindes befestigt werden (damit sie nicht verloren gehen können). Wenn Sie oder Ihre Angehörigen unter chronische Krankheiten leiden oder besondere Bedürfnisse haben (z.B. Insulinabhängigkeit oder schwere allergische Reaktionen), sollten Sie diese Informationen in ähnlicher Weise festhalten und in einer Kleidungstasche aufbewahren. Dies wird helfen, Leben zu retten, wenn eine Person bewusstlos ist. Sie können sich im Voraus darum kümmern und Armbänder mit den angegebenen Informationen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder bestellen.

Dies sind allgemeine Informationen, die jeder an seine Bedürfnisse anpassen kann. Kinder können ein Lieblingsspielzeug in ihren Rucksack packen, das ihnen hilft, Stress besser zu überstehen. Wenn Sie ein Baby haben, kümmern Sie sich um Windeln, Feuchttücher, Puder und Schnuller. 


Die Hauptsache ist, ruhig zu bleiben! Natürlich ist es schwer zu glauben, dass im 21. Jahrhundert ein Krieg in Europa möglich ist, aber die meisten Ukrainer haben dies auch bis zum letzten Moment geleugnet. Man sollte an das Beste glauben, aber auf alles gefasst sein!

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